– Blogserie Humans Of New Work Crowdfunding
Gastbeitrag von Khaled Reguieg –

Wer bin ich? Was macht mich aus und wieso lege ich nicht endlich los?

Das Gefühl der Leere kennt vielleicht der ein oder andere. Es tritt als erstes auf, wenn man zum ersten Mal den „Ernst des Lebens“ spürt und sich noch nicht bereit dafür fühlt.

Bei mir war es nach der Absolvierung des Abiturs. Ich war einer der Kandidaten in der Schule, die ohne viel zu machen gut durchgekommen sind. So habe ich quasi nie für Klausuren gelernt, mich einfach immer gemeldet, wenn ich meinte, die richtige Antwort parat zu haben und hatte auch sonst keinerlei Hemmungen vor anderen zu sprechen oder meine Ideen auszubreiten. Schon klar, dass es verschiedene Typen gibt und dass es anderen vielleicht nicht so einfach fiel. Nichts desto trotz führt diese Art des Lernens und Arbeitens dazu, dass ich mich der Haltung annahm: „Alles wird schon irgendwie seinen Lauf nehmen.“ Ebenso gewöhnte ich mich daran, dass Last-Minute Abgaben und Planung nicht notwendig sind, um zu guten Ergebnissen zu gelangen. So kam es, dass ich für das Abitur letztendlich, grob überschlagen, drei Tage gelernt habe. Also, zack Abitur in der Tasche und was jetzt? Bin ich jetzt ein vollständigerer Mensch? Kann ich jetzt irgendwas, was mein großer Bruder, der eine Ausbildung gemacht hatte, besser? Nicht wirklich.

Kam jetzt der Ernst des Lebens, in dem Entscheidungen und dazustehen angebracht war? Neee… Erstmal chillen und erholen von dem ganzen „Stress“.

Also verbrachte ich erstmal einen schönen Urlaub mit meinem Cousin und besten Freund Jannis in Kroatien. Da ich noch drei weitere Geschwister habe, war ein großzügiges Startkapital für das neue Leben nicht gegeben. Also arbeitete ich erstmal in einem Möbellager in der Kommissionierung, um Geld für weitere Reisen und einen Umzug in eine andere Stadt zu verdienen.

Aber wohin? Was will ich dort machen?

Kurzum habe ich einfach angefangen irgendetwas, möglichst weit weg von zu Hause, zu studieren. Gelandet bin ich an der Technischen Universität Berlin und habe dort krampfhaft versucht, mit dem Vorgehen aus Abizeiten, drei Semester Energie- & Prozesstechnik zu studieren. Ich wusste, dass ich nicht dumm bin, aber es fiel mir sehr schwer einzugestehen, dass das Studium an der TU einfach zu komplex war ich keine weitere Zeit damit verbringen wollte. Frustration machte sich breit – war ich vielleicht einfach doch zu dumm für einen höheren akademischen Weg? Wie bekamen das die anderen hin? Kann ich mir eingestehen zu versagen? Und wird der Umstieg machbar? Was will ich überhaupt jetzt? Und ganz groß, was denken die anderen von mir? Kurzum, es was sehr schwer mir einzugestehen, dass ich dieses Studium nicht weitermachen wollte (es sind auch einige Tränen geflossen).

In der Schule hatte ich Erfahrung im Bereich Informatik gesammelt und an der TU habe ich statt zu lernen lieber eine kleine Webseite gebaut, die Neulingen hilft sich im ersten Semester zurechtzufinden. Probleme lösen und die Möglichkeit zu haben Ideen in Stunden umzusetzen und zu veröffentlichen hat mich schon immer begeistert und mir Spaß gebracht.

Ich beschloss ein Praktikum zu machen und, wie es der Zufall will, hatte ein Freund meiner Schwester zur selben Zeit einen Link auf Facebook gepostet. Dieser führte zu Tame, einem EXIST-geförderten Start-Up, das einen Kuratierungsfilter für den Twitterstream eines Users gebaut hatte. Kurz angeschrieben, Bewerbungsgespräch, zack fertig: Praktikumsstelle bei Tame. Unser CTO Arno legte Wert darauf, dass die Mitarbeiter etwas lernen und Spaß an der Arbeit haben. Und so war es auch, ich ging jeden einzelnen Tag gerne ins Büro und war traurig, wenn ich durch Urlaub oder ähnlichem etwas im Büro verpasste.

Ich lernte schnell, entwickelte mich weiter und wurde ‘getriggert’, wie man heutzutage so schön sagt. Mein Interesse wurde erneut geweckt und mein Gefühl bestärkte sich, dass Informatiker, kreative und Enthusiasten die Zauberer des 21. Jahrhunderts sind. Sie können Dinge aus Gedankenkraft erschaffen. Eine einfache Idee und ein paar Zeilen in einen Editor seiner Wahl getippt und man sieht Ergebnisse, die Spaß machen, andere unterhalten, die Welt verbessern, Menschen lästige Aufgaben abnehmen und vieles mehr. Den Möglichkeiten sind eigentlich keine Grenzen gesetzt.

Bei Tame habe ich einiges an Enthusiasmus, Motivation und Selbstvertrauen getankt, das ich für meine Bewerbung zum Studiengang Medieninformatik an der Hochschule für Technik in Berlin nutzte. Dort angekommen lief alles erstmal super. Es gab nur einen Haken, denn ich wurde wieder belohnt für Last-Minute Abgaben, All-Nighter und zählte mit minimalem Aufwand zu einem der Besten des Jahrgangs. Wenn einem etwas Spaß macht, dann geht es leichter von der Hand, aber trotzdem habe ich es nicht so richtig hinbekommen Dinge langfristig zu planen und das Gefühl, dass sich alles schon irgendwie fügt hat mal wieder gewonnen.

Und so stehte ich nun da, einen Bachelor of Sience in der Hand, einen Kopf voller Ideen und trotzdem fühle ich mich leer. Schon öfter habe ich gehört, dass man sich nach dem Abschluss leer fühlt, aber ich habe es nie geglaubt, immerhin hat man dann etwas in der Hand und die Welt steht einem offen.

Nun ist es soweit und ich habe eine Menge gelernt, trotzdem fühle ich mich irgendwie unfertig und frage mich, ob das Gefühl jemals einem „Vollständigkeitsgefühl“ weichen wird.

Ich habe den Drang ein eigenes Software-Studio zu eröffnen, aber nicht den Mut. Noch nicht. Mein Vater sagt immer: „Es gibt keinen günstigen Wind für ein Schiff ohne Richtung. “Und wie Recht er damit hat, merkt man immer wieder, wenn man sinnlos umherschippert und sich nicht im Klaren darüber ist, was man eigentlich möchte und wie man an sein Ziel gelangt. Zum einen habe ich das Gefühl, dass alles, was ich anfasse schon irgendwie funktioniert und zum anderen, dass ich überhaupt nicht weiß, wie man etwas von Anfang bis Ende plant, durchzieht, mit Geld umgeht und Verantwortung für eine Gruppe an Leuten übernimmt. Ich bin gehemmt. Ein Gefühl hemmt das andere. Wahrscheinlich brauche ich noch eine Menge Zeit mit meinem Kopf alleine oder einen Lehrer, um wieder eine Richtung zu finden, bis dahin bleibt mein Schiff wohl noch ohne stärkeren Wind in den Segeln. Aber immerhin bin ich mir dessen bewusst, kann an mir arbeiten und eine Menge lernen!

Meine Learnings aus meinem bisherigen Vorgehen sind auf jeden Fall:

  1. Finde ein Gleichgewicht zwischen: Über Dinge nachdenken und sich treiben lassen.
  2. Umgib dich mit Leuten, die du intuitiv wirklich magst, man hat schon das richtige Gespür.
  3. Sprich mit ihnen! Meistens haben viele die selben Gedanken, oder haben schonmal darüber nachgedacht und kennen einen Lösungansatz.
  4. Sag was du denkst. Ich wurde schon oft als frech tituliert, aber Menschen, die mit gnadenloser Ehrlichkeit umgehen können, finden es angenehm, dass sie wissen woran sie sind.
  5. Special Interest Groups / Meetups sind eine tolle Inspirationsquelle und ein toller Ort, um ähnlich gesinnte kennenzulernen.
  6. Challenges mit sich selbst und Freunden bringen einen dazu neue Dinge auszuprobieren und stärken das Durchhaltevermögen.
  7. Ziele formulieren und ab und an wieder in seine Notizen reinzuschauen.
  8. Viele kleine Projekte machen und diese dann als Grundlage für größeres benutzen.

Danke, Khaled Reguieg 
Masterstudent Medieninformatik & Developer, ART+COM