Letzten Donnerstag haben wir die erste TALK SHOP Veranstaltung von DEAR WORK besucht – gegründet von der tollen Anna Süster-Volquardsen, die sich charmant und besonnen durch den Abend moderierte.

Zunächst gab es als Einführung ins Thema einen gelungenen Zusammenschnitt eines Interviews mit dem austro-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, der gemeinhin als „Gründer“ der New Work Bewegung bezeichnet wird.

Max Neufeind, Referent in der Grundsatzabteilung des Bundesministerium für Arbeit und Soziales, schloss mit einem Vortrag an, der deutlich flotter war als sein Jobtitel. Hier griff er aus dem Werk von Bergmann einige Thesen auf und ordnete diese – Bergmanns Buch erschien immerhin in den 70ern – in die heutige Zeit ein. Lachend bat er darum, nicht erneut die Grundsatzdiskussion um das bedingungslose Grundeinkommen führen zu müssen – so ganz davon abhalten ließ sich das Publikum dann aber doch nicht: Für viele im Raum stand fest, dass um die Frage, was man wirklich, wirklich will beantworten zu können, das Experimentieren mit verschiedenen Jobs erforderlich ist – und dass eben dieses dann häufig am fehlenden Geld scheiterte.

Aufgemerkt haben wir, als Max erläuterte, dass es auch innerhalb des Bundesministeriums mittlerweile kein Analyseproblem mehr gäbe – das Problem sei verstanden – sondern hier schon über Möglichkeiten der konkreten Umsetzung nachgedacht werde. Wenn in naher Zukunft durch Künstliche Intelligenz deutlich weniger Menschen im Produktionsprozess benötigt werden – was passiert dann also mit denen, die übrig bleiben? Wer hilft ihnen herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollen? Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn die Struktur, die Wertschätzung und Anerkennung, das „sich Nützlich machen können“ – was ja neben dem beklagten Arbeitsfrust auch eine „Nebenwirkung“ von Arbeit ist – wegfällt?

„Nichts zu tun macht Menschen nicht glücklich“ – sagt Max ganz klar und die Forschung gibt ihm in diesem Punkt Recht. Daher wird es zukünftig darum gehen, neben der in den Hintergrund tretenden Erwerbsarbeit auch einer “Neigungsarbeit” nachzugehen – und als drittes Element die Zeit mit der “High-Tech-Eigenproduktion” zu verbringen.

Konkret scheint es bereits ausgemacht, dass die heutige Arbeitsagentur mit ihren flächendeckenden Jobcentern künftig eine ganz andere Rolle einnehmen wird – vom Arbeitsvermittler zum „Coach“, der dabei hilft herauszufinden, was man wirklich, wirklich will – hört sich ganz schön revolutionär an? Die Handwerkskammer hat den Gedanken des Experimentierens bereits aufgegriffen und in Berlin eine Werbekampagne lanciert, Credo: Probiere es aus damit du weißt, ob’s dir Spaß macht.

Einen weiteren spannenden Aspekt warf Max dann noch in die Diskussion ein: Die Bildungssysteme in Deutschland bereiten Menschen nicht auf die Arbeitswelt von morgen vor. Hier seinen „kreativ-adaptive“, empathische Typen mit einer starken Persönlichkeit gefragt – die dann für den kleinen Teil der Arbeit eingesetzt werden, der auch in Zukunft nicht durch Maschinen übernommen werden kann. Wie konkret das Bundesministerium hier gegensteuern will – das hätte uns brennend interessiert, leider wurde der Punkt nicht vertieft.

Das anschließende Gespräch mit dem Onlinemagazin V\V Gründern Anna Schunck und Marcus Werner sollte als Beispiel dafür dienen, wie sich Menschen  getraut haben, ihre Arbeitswelt zu verändern. Die beiden stellten vor einem Jahr ihr Leben komplett auf den Kopf indem sie, im Fall von Anna, ihren festen Job kündigten, einen Resthof in Brandenburg kauften und ihren Herzen folgen. Ergebnis war das bereits erwähnte Onlinemagazin mit Nachhaltigkeitsthemen.

Bei aller Bewunderung für den mutigen Schritt bleibt hier natürlich der Aspekt, dass dieser Weg für die rd. 40 Millionen Festangestellten in Deutschland – dem gegenüber stehen ca. 4 Millionen Selbstständige – vermutlich keine Option ist. Es wird darum gehen, innerhalb der Organisationen ein Umdenken zu erreichen und neue Arbeitskonzepte zu entwickeln. Auf unserer Humans Of New Work Plattform stellen wir regelmäßig Beispiele vor, wie dies funktionieren kann.