– Blogserie Humans Of New Work Crowdfunding
Gastbeitrag von Hannes Altmann –

Wir verbringen 90.000 Stunden unseres Lebens mit Arbeit. Diese 90.000 Stunden entscheiden mit darüber, wie unsere Zukunft aussehen wird. Dabei ist es unwichtig, ob wir in einer einer leitenden Tätigkeit die Richtung vorgeben oder als Fachkraft dafür sorgen, dass die Kunden unseres Unternehmens ein perfektes Produkt kaufen können. Wir tragen täglich dazu bei, dass die Welt ist wie sie ist oder dazu, dass sie sich rasant ändert. Einzelne Stunden mögen nicht viel bewirken, aber alle zusammen werden mit darüber entscheiden, wie unsere Kinder und wir selbst einmal leben werden.

Mit dem Hintergrund, dass wir unglaublich viel Zeit unseres Lebens mit Arbeit verbringen und damit gleichzeitig das Schicksal der ganzen — oder auch nur unserer persönlichen — Welt in Händen halten, fällt es schwer, Arbeit aufs Geldverdienen zu reduzieren.

Was wollen wir also mit diesen 90.000 Stunden erreichen?

Faktoren wie Anerkennung, Teilhabe an der Gesellschaft – etwas beitragen – und Verantwortung zu übernehmen sind wichtige Aspekte. Geld ist notwendig, macht aber noch lange nicht zufrieden. Wir möchten letztendlich etwas, wenn auch etwas kleines, in unserer Welt hinterlassen. Dies ist auf verschiedenste Arten möglich.

Doch Arbeit ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker davon geprägt gewesen, dass wir als Menschen versucht haben, immer mehr wie Maschinen zu sein. Immer mehr zu funktionieren, mehr Detailwissen anzuhäufen, immer analytischer und stringenter zu denken. Da dies nur in begrenztem Maße möglich war, hat sich die Arbeitswelt in immer mehr Spezialisten aufgespalten, die sich wiederum immer weiter spezialisieren. Im Gesundheitswesen, sozusagen meiner Heimat, zeigt sich das zum Beispiel daran, dass Du auf Arztschildern seltener lediglich die Facharzt-Bezeichnung lesen kannst und immer häufiger noch weitere Spezialisierungen mit angegeben werden. Statt „Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie“ heißt es nun schon „Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Schwerpunkt Knieendoprothetik“.

Aber Menschen sind keine Bausätze, die sich in ihren einzelnen Systemen isoliert betrachten lassen. So können in etwa Rückenschmerzen ihre Ursache in unbemerkten Darmproblemen haben. Der Spezialist für Rückenschmerzen – per Definition der Orthopäde, zu dem der Patient geschickt wird – kennt aber unter Umständen den Zusammenhang zwischen Darm und Rücken nicht. Denn er hat sich nach der Facharzt-Weiterbildung vor allem mit dem Knie en detail beschäftigt. Über den Darm und vor allem über die Verbindung, weiß er nicht zwingend etwas und kann seinen Patienten somit nicht darauf hinweisen. Und das obwohl er sehr wahrscheinlich in seinem Fach erstklassig ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: In Zukunft werden wir verstärkt Menschen brauchen, die mit Überblick, Intuition, Kreativität und Empathie unser Wissen in die richtigen Bahnen leiten. Menschen, die die einzelnen Spezialgebiete verbinden, um jedem Einzelnen von uns wenigstens ansatzweise gerecht werden zu können.

Doch ist Detailwissen nicht mehr gefragt? Analytisches Denken? Ganz bestimmt ist es das.

Nur, wenn die technische Entwicklung so weiter geht wie bisher, also exponentiell schneller wird, dann werden in den nächsten 20 Jahren Maschinen besser sein als wir. Sie werden stetig mehr Aufgaben schneller und ausdauernder erledigen können als wir Menschen. Wir werden, mit Hilfe von Technologie, innerhalb von kürzester Zeit auf Datenmengen zugreifen können, die wir nicht in hunderten Leben auswendig lernen könnten. Algorithmen werden immer mehr Probleme deutlich schneller lösen als wir.

Doch die Zielgruppe unseres Handelns sind immer noch wir als Menschen. Die Frage ist, wie wir in ein, fünf, zwanzig oder hundert Jahren leben wollen.

Und der Mensch an sich ist nicht logisch. Er fühlt vollkommen irrational.

Ziel wird es also sein, Gefühle wahrzunehmen, zu deuten und dadurch die beste Lösung für den Menschen zu finden.

Doch um andere wahrnehmen zu können, als Unternehmer zum Beispiel ihre Bedürfnisse zu erkennen, müssen wir emphatisch sein – mitfühlend. Und um fühlen zu können müssen wir uns wieder auf unsere Sinne besinnen und sie trainieren. Wir sollten durch Mitgefühl wieder Menschen dazu bringen, uns Gefühle zu zeigen, statt sie hinter der Social-Media Fassade zu verstecken. Diese Fassade ist es, die ein Algorithmus erfassen kann. Doch er erfasst nicht unsere wahren Bedürfnisse, sondern nur die, die wir offen in die Welt hinaus tragen.

Das ist ein Problem, denn momentan steht der funktionierende Maschinen-Mensch ganz weit oben auf der Liste der gefragtesten Mitglieder unserer Gesellschaft. Die Folge ist, dass Kritik, Negativität und Zweifel — vor allem auch im Social Media Bereich — unterdrückt werden. Positives Denken ist die scheinbare Erfolgsformel. Nicht selten wird Zweifel oder Kritik mit Negativität gleichgesetzt und diese passt nicht in unsere positiv-glückliche Social-Media-Welt. Menschen präsentieren ihre Avatare, die eine heile leistungsstarke Figur abgeben, bestgelaunt auf allen Kanälen. Ihre Projekte sind durchgehend neu und innovativ, nie dagewesen und hip sowieso. Sie bieten keine Angriffsfläche mehr, sind geglättet bis ins kleinste Detail. Doch echte Innovation, wirklich gute Projekte entstehen nicht nur aus Situationen, in denen alles perfekt scheint. Sie entstehen auch aus Zweifel, aus Kritik am Bestehenden und der drängenden Suche nach besseren Wegen.

Moderne beginnt im Zweifel, sagte — so oder so ähnlich —, Hanna Arendt über Descartes.

Und dieser Zweifel existiert, bei näherer Betrachtung, sehr wohl . Spricht man wohlwollend mit den Menschen, statt nur ihr Facebook- oder Instagram-Account zu analysieren, offenbaren sich die Zweifel und damit das Potential, wirklich etwas besser zu machen.

Negativität, Angriffsfläche für konstruktive Kritik, muss nicht nur — grade im Social Media Bereich — wieder möglich gemacht werden, sondern der Standard sein. Diskussion online und offline. Unperfektheit.

Denn das Streben nach maschineller Perfektion beraubt den Menschen seiner Kreativität. In dem Drang, keine Fehler zu machen, flüchtet er sich in feste Strukturen. Doch Feste Strukturen lassen keinen Platz für Zufall. Und Zufall ist ein wichtiger Faktor für Kreativität. Innovationen entstehen auch, wenn wir ausgetretene Pfade verlassen und über etwas stolpern, was wir nicht erwartet hätten.

Seien wir also menschlich auf allen Kanälen. Lassen wir Fehler zu, auf dem Weg zu einem besseren Leben. Das ist es, was neue Arbeit ausmachen muss: Zu leisten, was der Algorithmus nicht vermag, zu fühlen, wahre Empathie zu zeigen, Kreativität auszuleben und intuitiv soziale Entscheidungen zu treffen.

Um dies zu können, ist es nötig, sich Freiräume zu schaffen, Gefühle und Gemeinschaft während der Arbeit zuzulassen, dadurch Kreativität zu fördern und echte Innovation zu ermöglichen.

Was möchtest du tun, mit deinen 90.000 Stunden?

 

Danke an Hannes Altmann, Physiast