“Arbeit macht frei” – ist das so?

Arbeit macht frei – dieser Satz empfing im 3. Reich die Menschen, die von den nationalsozialistischen Machthabern in die Konzentrationslager deportiert wurden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Umwälzungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft lohnt es sich, ihn genauer zu betrachten. Ursprünglich wird dieser Satz dem Publizisten und Nationalökonomen Heinrich Beta zugeschrieben, niedergeschrieben in seiner Schrift “Geld und Geist” von 1845. Dort heißt es:“…Nicht der Glaube macht selig, nicht der Glaube an egoistische Pfaffen- und Adelzwecke, sondern die Arbeit macht selig, denn die Arbeit macht frei.“ Die Bedeutung des Spruches ist in diesem Kontext durchaus positiv gemeint.

Wie beeinflusst uns diese Aussage in der heutigen Zeit? 

Für die Menschen, die unter dem Naziregime durch diese Tore in die Hölle gingen, war dieser Spruch die reine Verhöhnung. Statt Freiheit erwartete die KZ-Insassen in der Regel der Tod. Für uns Nachgeborene ist dieser Satz im Geschichtsunterricht weitergegeben worden. Hat er, obwohl negativ konnotiert, möglicherweise Eingang in unser kollektives Gedächtnis gefunden und unsere Einstellung zur Arbeit als etwas “Unfreiwilliges” mit geprägt?

Seit geraumer Zeit ist das Thema der sogenannten „Kriegsenkel“ in der Diskussion. Die „Kriegsenkel“ sind die Kinder, die zwischen 1960 und 1970 geboren wurden. Diese Generation ist auch bekannt unter der Bezeichnung Baby-Boomer. Es sind die geburtenstarken Jahrgänge nach dem 2. Weltkrieg. Die Kinder des deutschen Wirtschaftswunders, die Deutschland mit zu dem gemacht haben, was es heute ist. Ihre Eltern wurden als Kinder und Heranwachsende geprägt durch die Naziideologie, durch den Krieg und später durch das Wissen um die 6 Millionen ermordeten Menschen, die sich zum Teil in den KZs zu Tode geschuftet hatten. 

Wie empfinden wir Arbeit heute? 

In der Diskussion geht es um die möglichen Folgen der Nazi-Herrschaft auf diese nachfolgende Generation der Kriegsenkels. „Die Relevanz des Begriffs „Kriegsenkel“ erklärt sich aus der Tatsache, dass er auf Zusammenhänge zwischen Generationen hinweist. Weil er den Horizont über die eigene Lebensspanne hinaus in die Vergangenheit erweitert, kann er zum Schlüssel werden, um Unstimmigkeiten im Kontext der eigenen Biographie zu deuten, die bislang nicht aus den Lebenszusammenhängen zu erklären waren. Mithin erlaubt er also, Erfahrungen des Scheiterns, existenzieller Brüche oder pathologische Erscheinungen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte als transgenerationale Folgen traumatischer Erfahrungen der Eltern zu deuten und dadurch in einen anderen Verständnisrahmen einzuordnen.“ (Dr. Joachim Süss, 2015)

Hat der Satz „Arbeit macht frei“ aktuell noch eine Bedeutung? Beeinflusst er möglicherweise unbewusst die Haltung zur Arbeit in Deutschland? Warum ist Arbeit Last und Bürde? Und sind montägliche Radiosendungen, die bereits zu Beginn der Arbeitswoche auf das Wochenende hinweisen eine Auswirkung unserer traumatischen Vergangenheit? Ist es eine Art der Selbstbestrafung nur an 2 Tagen in der Woche wirklich zu leben und die Arbeitszeit als etwas zu erfahren, das schnell irgendwie hinter sich gebracht werden muss? Wie wirkt sich diese Haltung auf unsere Wirtschaft aus? Und wie steht der zeitgenössische Anspruch an Arbeit als sinnstiftend damit im Zusammenhang?

Lasst uns Arbeit gemeinsam hinterfragen. 

Es mag durchaus sein, dass der Satz “Arbeit macht frei” unseren persönlichen Zugang dazu geprägt hat, wie wir an Arbeit herangehen und wie wir die Arbeit heute sehen: Nämlich –  überspitzt formuliert – als den Eingang in einen Zustand, der unserem Bild der Hölle nahekommt. Als Kriegsenkel mögen die Baby-Boomer davon besonders betroffen sein. Dass Arbeit in der Tat auch eine Befreiung darstellen kann und zu tiefer Erfüllung animieren kann, ist noch nicht Teil unseres allgemeinen Selbstverständnisses. 

Die Digitalisierung, ein Arbeitsmarkt, der zunehmend vom Arbeitnehmer bestimmt wird, und die Generation Y mit ihrem Fokus auf Sinn in der Arbeit, drängen Menschen und Unternehmen dazu, das bestehende Bild von Arbeit zu hinterfragen. Dabei stehen wir jetzt vor der großen Chance, Arbeit neu zu denken. In den vergangenen Wochen haben wir kollektiv erfahren, dass wir “auch anders” können. Durch Remote-Work haben wir erlebt, dass wir unsere Gewohnheiten ändern können und neue Wege finden können, zusammenzuarbeiten. Viele haben die ruhigeren Zeiten auch dafür genutzt, das Bestehende zu überdenken und neue Visionen für die Zukunft zu entwickeln.

Arbeit mit Gestaltungslust und Lebendigkeit aufladen. 

Wir wissen: Ohne den Macher ist der Träumer nur ein Spinner. Vor diesem Hintergrund können wir möglicherweise wirklich bald behaupten: “Arbeit macht frei”. Und dabei das meinen, was dem ursprünglichen Gedanken Heinrich Betas Satzes entspricht: Arbeit als etwas, durch das wir unseren persönlichen Purpose aktiv im Dienste des Kollektivs ausdrücken und manifestieren können.

Mein Wunsch ist es, dass die Arbeit das Leben bereichert und Gestaltungslust und Lebendigkeit zulässt, persönliches Wachstum schenkt und im Idealfall kann jeder durch seine Arbeit etwas zu einer friedvollen Gesellschaft beitragen.

 

Petra Rietz & Charlotte Rohwäder