Über die Verweigerung des Kulturwandels durch die Boomer-Generation – oder geht es auch anders?

Ich gehöre zu den sogenannten Baby-Boomern. Das sind die geburtenreichen Jahrgänge der Jahre 1955 – 1969. Das ist die Generation, die nach dem Krieg geboren wurde und die geprägt ist vom deutschen Wirtschaftswunder und die nun langsam auf den Ruhestand zusteuert. Wir hatten nicht so viel Umsturzwillen wie die Generation der 68er, aber wir haben die Neue Friedensbewegung der 80er Jahre befeuert. Und viele von uns haben „Die Grenzen des Wachstums” gelesen, das Buch, das der Club of Rome 1972 veröffentlichte.

Die Macht ist mit den Baby-Boomern.

Wir haben vieles gewusst oder hätten es wissen können. Haben wir dieses Wissen unserer Bequemlichkeit geopfert? Sicher. Jetzt sitzen wir an den Hebeln der Macht und wollen nicht zum alten Eisen gehören. Wir wollen weiter eine Rolle spielen. Und die Macht ist mit uns: 52% der Bundestagsabgeordneten sind Boomer, obwohl unser Bevölkerungsanteil deutlich darunter liegt, nämlich bei 23%. Da wird mit harten Bandagen gekämpft, um weiter mitzumischen und aufkommende Ängste nicht zu spüren. Digitalisierung? Umweltschutz und Klimawandel? Themen, die uns “Auslaufmodelle” mit unseren Ängsten konfrontiert, vielleicht doch abgehängt zu werden oder schon abgehängt zu sein. 

Und jetzt?

Manchmal frage ich mich, ob ich noch mithalten kann? Oder was ich tun kann, um mitzuhalten? Muss ich alles können, was die Jungen bringen? Verstehe ich noch, worum es geht? Hilft es, wenn ich mit der Jugendlichen in mir in Verbindung bleibe, die sich für Wirtschaft und Umweltschutz und Psychologie interessierte? Können wir uns gemeinsam entwickeln – alt und jung? Wie geht das? Ist meine (Lebens-)Erfahrung überhaupt gefragt? Ist heute nicht alles anders?

Wir haben den Wirtschaftsaufschwung erlebt, alles wurde immer besser. Und jetzt? Es stellt sich die Frage, ob der Platz auf dem Sonnendeck doch auf der Titanic steht. Und um unsere Ängste zu befrieden kontern wir schon mal mit: „Früher war alles besser…“ oder „Die Jugend von heute…“ und „Wir zeigen euch (den Jungen) mal, wie es richtig geht!“ Ehrlich, das kannte ich schon von meinem Vater, der nun 90 ist. Also Kriegsgeneration. Und da war nun wirklich nicht alles besser…

Wir sind alle miteinander verbunden: Offenheit ist von uns gefragt.

Das bringt uns aber nicht das, was wir uns wünschen, nämlich Anerkennung und Wertschätzung für unsere Lebensleistung und das Gefühl, noch etwas zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen. Was wir ernten ist Häme („OK Boomer“) und Ablehnung durch die Generation, die durch den Klimawandel, die Pandemie und die Digitalisierung mehr betroffen sein wird.

Corona zeigt einmal mehr, wie wir alle miteinander verbunden sind und auch, wie wir voneinander abhängen. Da sollten wir doch das Zusammen schätzen und pflegen und uns gemeinsam weiterentwickeln und die großen Probleme der Welt im Auge haben. Das fordert uns heraus, über unseren eigenen Schatten zu springen und uns zu fragen: Wie kann und wie möchte ich jetzt zum Wandel beitragen? Aus meiner Sicht ist Offenheit die beste Möglichkeit, aus dem eigenen Kästchendenken auszusteigen und sich echtem Wachstum auch im Beruf hinzugeben.

Zusammenarbeit bedeutet, in Beziehung zu gehen.

Bei SOULWORX erlebe ich wie Generationssynergien gelebt und experimentiert werden durch eine Kultur der Wertschätzung. Zuhören, Respekt, Anerkennung und Eigenverantwortung sind die Werte, nach denen wir gemeinsam unseren Arbeitsalltag – auch im Home Office – ausrichten. Gemeinsam gehen wir in den Austausch und bringen unsere verschiedenen Perspektiven zusammen und realisieren in der Zusammenarbeit, wie sehr wir uns gegenseitig befeuern und voneinander lernen. Beide Seiten erfahren Neues, sei es aus der Erfahrung oder aus der Neugier heraus, was alles – auch digital – machbar ist. Wir gehen in Beziehung miteinander.

Es braucht jeden einzelnen von uns.

Das ist extrem bereichernd – für beide Seiten. Und es zeigt: Für eine gelingende Zukunft braucht es die Bereitschaft von jedem einzelnen von uns, uns für etwas einzusetzen, das größer ist als wir selbst. Der Baby-Boomer ist genauso gefragt wie die Gen Z und alle anderen Generationen.

Petra Rietz