VON DER PFLICHT, Eine Betrachtung von Richard David Precht (Goldmann)

Wer Rechte hat, hat auch Pflichten

Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, den neuen Precht zu lesen. 

Pflicht ist für mich etwas, für das eine Notwendigkeit besteht. Etwas, das von außen auferlegt scheint und eher nicht mit Spaß verbunden ist. Richard David Prechts neues Buch “Pflicht” also als Pflichtlektüre. Das Wort ist bei mir stark assoziiert mit dem schulischen Deutschunterricht und den Büchern, die ich verpflichtet war zu lesen. Und doch  muss ich gestehen, dass fast alle Bücher, die ich lesen musste, mir eine neue Welt zeigten, meinen Horizont erweiterten und mich zu einer begeisterten Leserin machten.

Ich halte das Buch also in den Händen und schlage die erste Seite auf. Was ist das denn? Eine riesige Schriftgröße springt mir ins Auge. Kann ich fast ohne Lesebrille lesen. Mein erster Gedanke: So kann man auch 160 Seiten füllen. Aber schon der Inhalt der ersten Seite verblüfft mich. Ich erfahre von pandemischen Ereignissen, die nicht in meiner Erinnerung zu finden sind, obwohl sie noch nicht sehr weit zurück liegen: 1968/70 die Hongkong – Grippe (ca. 1 Million Tote weltweit) und davor die asiatische Grippe aus den Jahren 1957/58. Der Autor schreibt, dass diese Pandemien nicht bewusst wahrgenommen wurden, ganz im Gegensatz zur aktuellen Pandemie. Der Unterschied sei, so konstatiert Precht, dass die beiden erstgenannten Ereignisse keine so enorme mediale Resonanz hatten, wie wir es aktuell bei Covid erleben. Dieses ist erst durch das Internet und den derzeitigen Stand der Globalisierung möglich geworden. Allein schon der Hinweis auf diese Tatsache weitet meinen Blickwinkel.

Die zentrale Frage, die Precht im Fortgang stellt, ist die Frage nach dem Zustand unserer Gesellschaft angesichts einer globalen Krise, die offensichtlich wie ein Vergrößerungsglas unsere guten und weniger guten menschlichen Seiten sichtbar macht. 

Dies nimmt er zum Anlass die Bedeutung der Pflicht in unserer libertären Gesellschaft in den Fokus zu nehmen. Das Wort „Pflicht“ bedeutet Fürsorge und Obhut und bezeichnet ein hohes Gut der Gesellschaft.“ So der Autor. Er verweist darauf, dass Pflicht mit einer Verpflichtung einhergeht und nicht Selbstzweck ist, also eine im gesellschaftlichen Kontext agierende Interaktion zwischen einem ICH und einem DU.

Beim Lesen komme ich von Anfang an in einen inneren Dialog mit mir über mich und mit mir als gegenüber eines DU. Mir gehen Gedanken und Bilder durch den Kopf und ich bin regelrecht erfreut über all die Anregungen, manches aus meiner Vergangenheit und der aktuellen Lage noch einmal im Licht des hier beleuchteten Begriffs der Pflicht zu betrachten.

Unterstützt wird dies durch die bisweilen sperrigen Sätze, die mit Worten gespickt sind, die ich lange nicht mehr gehört oder gelesen habe. Es sind Sätze, die so sicher in kaum einem Zeitungsartikel Ausdruck finden würden. Dadurch bleibt mir viel Platz, die eigene Argumentation mitzudenken, die eigene Haltung zu hinterfragen. Und darum geht es: Sich die Frage nach der persönlichen Verantwortung und auch einem Pflichtgefühl gegenüber der Gesellschaft zu stellen, um eine Haltung zu entwickeln, die der Komplexität der heutigen gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Herausforderungen gerecht wird und dem Gemeinwohl aller Menschen dient. Das Fazit würde ich aus dem allen so beschreiben: Zukunft kann nur im echten Miteinander gestaltet werden. Auf allen Ebenen.

Daraus folgt für mich, mir wieder einmal bewusst Gedanken darüber zu machen, was Demokratie auf Grundlage des Grundgesetzes bedeutet, für den „Staat und die Bürger, die in Deutschland in freien Wahlen Politiker als ihre Interessenvertreter Wählen.“

Richard David Precht spricht Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung als Tugenden an – auch so ein alter Begriff -, die die Gesellschaft als Basis für Zukunftsfähigkeit braucht. Auch um aktuelle und anstehende Herausforderungen gemeinsam meistern zu können.

Petra Rietz