Neustart – Vom Umgang mit der Freiheit

Neustart wagen

Sommerzeit – Auszeit – und jetzt geht es wieder los. Die Sommerpause hat auf mich wie ein Reset gewirkt. Und jetzt heißt es, den Neustart wagen. Aber zunächst mal ein kleiner Überblick, über das, was bisher geschehen ist.

New Work und Corona

Seit gut 2 Jahren bin ich nun eine SOULWORKERIN bei SOULWORX, dem Unternehmen, das Julia von Winterfeldt vor fast 6 Jahren gründete. Im Sommer 2019 bin ich angetreten, Julias Arbeit durch die Organisation der ENERGIZER zu unterstützen. Das hat viel Spaß gemacht und ich durfte tiefgründige, ideenreiche, inspirierende, tatkräftige, andersdenkende, interessante Menschen kennenlernen. 

Von Anfang an habe ich sehr viel im Home Office gearbeitet, da ich in Berlin lebte und arbeitete und SOULWORX in Hamburg ist. Dann kam Corona und es gab für uns alle nur noch das Home Office. Mit dem ersten Lockdown haben wir in einem Turbotempo – wie so viele andere auch – alles online gemanagt. Der erste OnlineENERGIZER mit Kathrin Haug und Anja Hendel lief großartig. Und wir kreierten ein weiteres Format online: den SOULTalk. Wir wollten unbedingt mit unseren Kunden in Kontakt bleiben und suchten Themen aus, die uns alle Corona bedingt bewegten und herausforderten.Dieses lockere  Gesprächsformat, in dem jede*r zu Wort kommen konnte, war ein voller Erfolg und hatte eine Tiefe, die überrascht. Wir alle stellten fest, echter Kontakt und gute Verbindung sind auch online möglich. Mitte Juni 2020 hatten wir es geschafft, fast jede Woche eine Gruppe von Interessierten ins Gespräch zu bringen.

Neue Aufgaben und alte Vorstellungen

Für mich bedeutete das, mehr Texte zu schreiben zu den Themen, die wir in unseren online Meetings gemeinsam ausgelotet hatten. Und ich begann mich mit dem Thema Social Media zu befassen, damit wir unser Angebot auch auf allen Kanälen sichtbar machen konnten. Ich war selbst überrascht, wie gut unsere Posts angenommen wurden und welche Resonanz wir ausgelöst haben. Mir hat insbesondere die Recherche erstaunlich viel Freude bereitet. Die SOULTalks selbst waren immern wieder sehr bereichernd. Das alles half unglaublich, sich nicht in negativen Gedanken über die Pandemie zu verlieren.

Glaubenssätze

Was mich überraschte war, wie leicht es mir fiel, Texte zu schreiben. War doch mein Credo aus Schulzeiten: Texte liegen dir nicht, das kannst du nicht. Ein Glaubenssatz, der mich wirklich lange begleitete und blockierte. Jetzt wackelte er. Bis zum Ende des Jahres hatten wir dann unsere gesamte Arbeit mit Kunden, die bis dato live war, auf digitale Zusammenarbeit umgestellt. Und ich hatte es geschafft, regelmäßig Blogbeiträge und Buchbesprechungen zu veröffentlichen. Anfang des Jahres wagte ich mich dann weiter aus meiner Komfortzone heraus und bot von mir aus an, die Aufgabe unsere sozialen Plattformen zu bespielen und die Recherche und Vorbereitung unserer Newsletter zu übernehmen.

Weg und Wille

Alles lief prima. Vor einigen Wochen hatte ich auch das Vergnügen, für einen Kunden einen Beitrag zum Thema Mental Health und Stressmanagement durchzuführen. Vor gut 20 Jahren war das genau mein Thema, ich hatte eine Ausbildung dazu absolviert und darüber ein Buch für Jugendliche veröffentlicht. Jetzt war ich wieder dran am Thema. Auch das Thema Organisationsaufstellung kam wieder in meinen Fokus: Als es in der Arbeit mit einem Kunden etwas hakte, konnte ich die Kolleginnen mit einer Aufstellung unterstützen und mehr Klarheit in die Situation bringen. Auch dies war online möglich. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg …

Und jetzt? 

In den letzten Monaten vor meinem Urlaub hat es in mir rumort. Ich war unzufrieden. Mit mir. Mit der Arbeit. Irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht genug zu tun, nicht gut genug zu sein (auch so ein alter Glaubenssatz). Oder sollte ich mir vielleicht einen neuen Job suchen? Ein Job, der mehr Nine-to-Five war. Es fühlte sich diffus an in mir. Es war ein auf und ab der inneren Argumentation. 

Objektiv geht es mir bestens, der Job ist perfekt und die Arbeitssituation auch. Die Kolleginnen sind großartig. Die Zusammenarbeit ist reibungslos, frei von Ressentiments und den üblichen Spielchen, die im Job untereinander so stattfinden. Was war da los? Meine Zeit konnte ich selbst einteilen. Es blieb Zeit für „mein Leben“. Ich hatte das Gefühl, wirklich mitgestalten zu können. Doch manchmal war ich genervt. Kein Feedback auf Fragen zu meinen Texten. Manches ging mir zu langsam, Meetings uferten aus, … Ich fühlte mich an manchen Tagen erschöpft und lustlos. 

Auszeit

Gleichzeitig freute ich mich, wenn ich im Gespräch mit den Kolleginnen war. Und es war großartig, als wir alle gemeinsam live in einen Workshop waren, um unsere Arbeit zu reflektieren und für die nächsten Herausforderungen auszurichten. Was war da los?

Damit bin ich dann in den Urlaub. Ganz bewusst habe ich mich entschieden, keine Zeit im Home Office zu verbringen. Habe meine Gedanken wieder ins Hier und Jetzt geholt, wenn sie doch einmal an den Schreibtisch wollten. Auszeit. Mit Freunden sein und mit mir selbst. Rauszeit. 

Wie wir aus der Hirnforschung wissen, arbeitet es doch im Hintergrund. Allerdings auf einer ganz anderen Ebene. Vielleicht ist es wie mit einem guten Rotwein. Erstmal liegen lassen. Reifen lassen. Und dann genießen.

10 Jahre lang hatte ich als Galeristin alles selbst gemacht. Eigenverantwortung und Disziplin gehörten dazu. Geduld und Teamwork eher nicht. Lag da der Hase im Korn? Oder hatte ich einfach genug von Verantwortung, Disziplin und der großen Freiheit, selbstbestimmt arbeiten zu dürfen?

Freiheit und Eigenverantwortung

Der Urlaub liegt nun schon wieder gut einen Monat hinter mir und meine ganzen Überlegungen liegen ebenfalls hinter mir. Meine Frage halfen, mir selbst auf die Schliche zu kommen. Ich wollte wieder mehr Leichtigkeit in meinem Arbeitstag. Zumal mir klar war: Ich habe den besten Job, den ich je hatte. Alles, was ich mir je im Bezug auf Arbeit wünschte, ist möglich. Vor allem ist es mir möglich, mich weiterzuentwickeln, einen Beitrag auf einem relevanten gesellschaftlichen Feld zu leisten.  Ich habe die Chance mitgestalten zu dürfen, gesehen zu werden und Anerkennung zu bekommen.

Mir ist klar geworden, wie herausfordernd es ist, Freiheit und Eigenverantwortung zu leben. Für mich sind, wie sich jetzt herausstellt, Disziplin und Fokussierung wichtige Aspekte. Wer hätte das gedacht. Mein Neustart begann mit dem Experiment, meine Tage zu strukturieren und Arbeitszeiten festzulegen. Ich entschied, Job-Mails und Nachrichten am Wochenende zu ignorieren. Der Computer wird nach meinem Arbeitstag ausschließlich im privaten Modus genutzt. Disziplin und Eigenverantwortung hilft mir, diese Struktur umzusetzen und dranzubleiben.

 

Petra Rietz