– Ein Essay über die Kraft des Stehenbleibens –

 

Erinnerst Du Dich noch, als Du jünger warst?

Je nach Lebensabschnitt dachtest Du vielleicht…

…als 10-Jährige*r: Mit 25, da werde ich fertig studiert haben, da werde ich selbstbewusst, frei und stark sein!

…als Student*in: Ah, wenn ich erst einmal arbeite, werde ich handeln können, werde ich eigenständig entscheiden können, werde ich glücklich sein.

…als junge*r Arbeitnehmer*in: Oh, wenn ich erst einmal mehr Einblick in das Unternehmen habe, dann werde ich wahrhaftig etwas bewirken können.

Das gleiche ließe sich auch für das Privatleben sagen: Wenn ich erst einmal eine*n Freund*in habe…wenn wir erst einmal Kinder haben…wenn die Kinder erst einmal groß / aus dem Haus sind…wenn wir erst in Rente sind.

Die Sehnsucht nach der Zukunft.

Uns in eine bessere Zukunft zu wünschen scheint ein generationsübergreifendes Phänomen zu sein, das uns – beginnend in der Kindheit – bis in unsere späten Jahre begleitet. 

Doch warum sind wir so gut darin, unserer Glück in die Zukunft zu verlegen? Warum sind wir so gut darin, die Verantwortung weg von uns und auf die Umstände zu schieben? Und viel entscheidender: Was können wir tun, um tatsächlich tiefe Befriedigung in unserem Handeln zu erfahren – sei es auf individueller als auch auf organisationaler Ebene? Kann Purpose helfen?

Zufriedenheit finden wir, wenn wir über unser lineares Denken hinauswachsen.

Es lässt sich unschwer erkennen, dass uns unsere aktuelle Strategie nicht weit trägt. Wir denken, die Befreiung liege in einer Lösung der Zukunft…und in der Zukunft angelangt realisieren wir, dass wir etwas in unseren Überlegungen vergessen haben müssen. Doch jetzt wissen wir es! Und in dem Glauben, den Clou gefunden zu haben, sind wir schon voller Vorfreude auf die nächste Zukunft.

Wir könnten analysieren, woher dieses Verhalten herkommt, das uns im wahrsten Sinne des Wortes nicht weit bringt (oder nur so weit, dass wir immer weiter wollen, ohne die Zufriedenheit zu erlangen, die wir uns erhoffen). Dies zu tun würde jedoch nur bedeuten, den gleichen Ausweg in die andere Richtung zu wählen. Anstelle, dass wir unser jetziges Handeln mit der Zukunft rechtfertigen, entscheiden wir uns nun für die Vergangenheit. In diesem Fall würden wir etwa verstehen, dass uns bereits die großen Religionen versprochen haben, die Erlösung liege im Jenseits. Oder wir würden erkennen, dass ein ähnliches Verhalten bereits in frühen Jahren in unserer Schulbildung zum Tragen kommt: Wir streben nach Zielvorgaben, die in der Zukunft liegen…und die wir selten zur Genüge erfüllen. Ein höchst unbefriedigender Zustand. Und selbst, wenn wir sie erfüllen – die erhoffte dauerhafte Erlösung bleibt aus.

Und so leben wir unser lineares Leben in unserem linearen Denken, das nach vorne und nach hinten schaut und dabei nie die erhoffte andauernde Zufriedenheit erbringt, die wir uns so sehr wünschen.

Anhalten und die Verantwortung für den Moment übernehmen.

Welcher Ausweg bleibt? Der, anzuhalten. Weder in die Zukunft fliehen, noch in der Vergangenheit wühlen, sondern stehen bleiben und anerkennen, was ist. Die Verantwortung übernehmen für den Moment, so, wie wir ihn gerade leben.

Mit dieser Erkenntnis dürfen wir durchatmen. Nicht, um direkt wieder loszulaufen und zu verändern. Das würde uns höchstwahrscheinlich wieder in eine ähnlich-neue, unbefriedigende Situation bringen. Stattdessen können wir durchatmen, um in ein Bewusstsein darüber zu kommen, was wir wirklich bewirken wollen. Dieses Gefühl ist etwas, das zutiefst übereinstimmt mit unserem Sein. Absichten, die aus diesem Gefühl heraus in Handlungen resultieren, die wiederum Situationen schaffen, die uns umgeben, sind sehr befriedigend. Denn was anderes könnte die äußere Widerspiegelung unseres inneren Seins-Zustandes hervorrufen als ein wahres Gefühl der Zufriedenheit?

Der Innenblick als Ansatzpunkt für eine neue Freiheit, Lebendigkeit und Beweglichkeit.

Das mag utopisch klingen in einer Welt, die zunächst im Außen nach Lösungen sucht und strebt. Doch in einer Welt, in der wir zunehmend an Grenzen stoßen – eine Klimakrise, eine globale Pandemie, beängstigende Marktdynamiken und zunehmende soziale Ungerechtigkeit, um nur einige Beispiele zu nennen -, lohnt sich ein Blick nach innen. Der Innenblick scheint eine – wenn nicht die – sinnvolle Lösung, um die aktuellen Herausforderungen nachhaltig anzugehen und zu meistern. Der Innenblick schenkt uns die Orientierung, nach der wir im Außen vergeblich suchen. Er eröffnet Lösungen, die im Außen zunächst nicht vorhanden schienen. Er ist der Ansatzpunkt für eine Freiheit, Lebendigkeit und Beweglichkeit, von der viele von uns derzeit noch träumen. Und er ist der Ausgang für innere und äußere Zufriedenheit.

Purpose als Ankerpunkt für den “radikalen Wandel”.

Ich denke, dass der “radikale Wandel”, von dem so viele sprechen, ohne einen Innenblick nicht möglich sein wird – sowohl auf individueller, als auch auf gemeinschaftlicher organisationaler Ebene. Auf individueller Ebene resultiert daraus eine Haltungsänderung bzw. ein verändertes Mindset. Das Äquivalent auf organisationaler Ebene ist ein tiefgreifender kultureller Wandel. Beides beginnt mit dem Rückbezug zum Purpose, dem Ankerpunkt, an dem sich alle unsere Absichten und Handlungen “messen” lassen.

Ist diese Erkenntnis der Grund, weshalb Purpose derzeit in “aller” Munde ist und mehr und mehr zur Handlungsmaxime in großen wie kleinen Unternehmen wird? Ich denke, wir sollten eher fragen: Können wir es schaffen, ein so ausschlaggebendes Thema wie Purpose grundlegend anzugehen und nicht versuchen, es in unseren linearen “Strategieplan” als weitere Erlösung versprechende Zukunftslösung aufzunehmen? 

Charlotte Rohwäder